Martin Humburg
Blick in meine Tagebücher
anlässlich 40 Jahre KURVE Wustrow
On-line gesetzt am 22. Februar 2020
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Januar 2020
Liebe Leute in und um „KURVE Wustrow“

Vor 10 Jahren, aus Anlass des 30. Gründungstags der KURVE im Januar 1980, schrieb ich Euch diese Zeilen, irgendwie noch nicht überholt.
Aber ans Ende setze ich noch eine kleine Fortsetzung.


Blick in meine Tagebücher

Einen Blick in die Tagebücher aus den Jahren habe ich getan, von 1986 bis 1989 wäre da viel Positives, schließlich auch Melancholisches, insgesamt aber Frohes über die KURVE zu finden, aber die Zeit….

Also schicke ich Euch nur den ersten Eintrag, den ich gefunden habe, als kleine Zeitreise, geschrieben an meinem 24. Geburtstag, damals in Gießen, noch ganz unter dem Eindruck meiner Zeit mit Aktion Sühnezeichen beim französischen Mouvement pour une alternative non-violente (MAN, Montargis):

„11.1.1980
Am letzten Wochenende hoben wir in Hannover den Verein aus der Taufe, der sich um die deutsche Version von Le Cun kümmern soll – in der Gegend von Gorleben. Kurz: Es kann gut sein, dass ich mich zwischen Februar und April im Landkreis Lüchow-Dannenberg herumtreibe.“

Ein Jahr später begann dann, mit der „Nachrüstungsdebatte“ und der so überaus wirkmächtigen Sommeraktion 1982 in Großengstingen auf der Schwäbischen Alb die große Zeit der über das ganze Bundesgebiet im 2. Halbjahr sich ausbreitenden Trainings in gewaltfreier Aktion. Mit zwei „Stegreif-Theater“ Freunden konnte ich Anfang 1983 (28. - 30.1.1983) eines der ersten offiziellen Seminare der „BuBGA“ (ja, so hieß die „Bildungs- und Begegnungsstätte für Gewaltfreie Aktion“ damals) durchführen, das aufgrund einiger (harmloser, I assure) Körper- und Massageübungen als das „Schmuseseminar“ in die Vereinsgeschichte einging, damals waren wir noch Gäste im Haus von Carnaps in Pisselberg.

Ab 1986 wurden daraus dann 3 hauptamtliche Jahre. Wenn ich an Prägendes zurückdenke: natürlich die vielen Seminare und Kontakte, die Entdeckung der Bedeutung von Küche und Ernährung, hier gab es einen Schub durch die Kochkünste von Hannes und Eike Eckeberg; der buddhistische Mönch, der uns mit seiner Vorbereitung der Lichteraktion tagelang in Bann nahm und dann am Ufer der Elbe damit beglückte; unvergessen auch eine Jugendgruppe des Alpenvereins, die im Sommer 1989 bei Blütlingen in der Nähe des Gedenksteins ein Lager auf der anderen Seite, also im Sperrgebiet, aufschlug, weniger von Alpenglühen begleitet, dafür vom Glühen der Telefonleitungen der DDR-Grenzer, die Anweisungen von Oberen einholten. In jener Zeit beehrte uns auch Joanna Macy aus Kalifornien und ich erinnere mich an einen faszinierend meditativ gestimmten Abend in der Heide bei Trebel, von wo wir auf die raumschiffartig anmutende Szenerie von Gorleben bei Nacht blickten. Ein Highlight für Joanna war, als sie den Wendland-Pass überreicht bekam – als grenzüberschreitendes Dokument hat sie ihn mit nach Kalifornien genommen.

Dazu sind es wesentliche Strukturveränderungen im Verhältnis MitarbeiterInnen – Vorstand in jener Zeit (die wohl heute nur noch vereinshistorisch von Interesse sind); etliche Renovierungen im Hause mit tatkräftiger Unterstützung der Workcamps. Beginn des Ausbaus des Dachbodens, damals wesentlich vorangetrieben unter Anleitung von Dieter Schaarschmidt; Einrichtung einer Bibliothek; und nicht zu unterschätzen: etwas Tauwetter in den Beziehungen am Ort, auch über Dissensgräben hinweg: ich erinnere mich an heftige Konflikte mit dem Wustrower Magnaten Meiners, mit dem es nach dem Kampf um die Territorialrechte (dürfen Baumstämme für die Sitzgruppe im Garten vorübergehend auf seinem Grund und Boden lagern?) nach Wahrnehmung und Anerkennung der wechselseitigen Bedürfnisse und Rechte sogar einen Händedruck gab – der Balkan ist überall, und die Aufgabe, die jeweils andere Seite zu sehen, gerade dann, wenn die Emotionen hochkochen, gehört eben nicht nur weltweit, sondern gerade im nahen und nächsten Bereich zu den schwierigsten Herausforderungen. In der gewaltfreien Bewegung ist ja zumindest der Anspruch entstanden, in diesem Punkt besondere Sensibilität zu entwickeln. Deswegen kann das Scheitern auf diesem Gebiet auch so grandios, aus der Ferne betrachtet auch manchmal kurios, ausfallen.

Unter den Namen, die zu erinnern sind, sind in ganz großer erster Linie zu nennen: Harmen Storck, den ruhigen Promoter aus Hannover, der ohne eigene Prätentionen das Gefühl vermittelte, dass die Sache im Vordergrund stand. Und der uns sogar in seiner Zeit als Professor in Äthiopien nicht vergaß und bei einem seiner wenigen Deutschlandbesuche ausgerechnet uns in der KURVE Wustrow besuchte, weil ihm dieses „Kind“ am Herzen lag. Und er saß ganz einfach dabei in unserer Runde, als wir Prospekte eintüteten, half mit, und dann lud er uns – damals Katja Tempel und mich – zum Essen ein.
Und Wolfgang Hertle, der natürlich der Gründer und erste Inspirator dieses Projektes war und über Jahre – ausgehend von der französischen Le Cun Erfahrung – die KURVE vor Ort auf die Beine stellte und auf seine Art auch bei seinen Mitmenschen viel Sympathie und Anerkennung einwarb. Konflikte gab es dann auch, klar; es nicht zu verschweigen, gehört zur Vollständigkeit.

Ich glaube, dass ein großes Pfund der späteren Stabilität und Attraktivität der KURVE Wustrow die Vielzahl der Menschen ist, die vor Ort Verantwortung übernehmen. Auch die unterschiedlichen Mentalitäten schaffen Reibung. Aber, wenn Ihr gut seid, die Arbeit mit den jeweiligen klaren Zuständigkeiten verseht, und wenn es ganz gut geht, ein gewisser Geist der Kooperation und der Freude am großen Ganzen dazukommt, dann ist das ein Schatz, von dem die KURVE Wustrow in guten und schwierigen Zeiten zehren kann, und der die wunderbare Eigenschaft hat, größer zu werden, wenn Ihr ihn mit anderen teilt.

Wenn ich dies, Anfang 2020, also 40 Jahre nach der Gründung der KURVE wieder lese, passt es immer noch. Dazu fallen mir heute die Lücken ein, die andere viel besser füllen können.
Denn da ist ganz wesentlich zu nennen, dass es anfangs ja zwei Paare waren, die mit Mut und Engagement das Leben in der KURVE und die Aufbauarbeit riskierten und damit erst das Ganze ins Laufen brachten: Also sind hier vor allem zu nennen Doris Hertle und Wolfgang, und Margit Albers und Udo Emse. Vergessen wir nicht die fast Vergessenen mit ihren eigenen Beiträgen, Ideen, Hoffnungen. Was damit an Lebens-Auf und -Abs verbunden war – man denke nur an die Geburt von Kindern, an die schwierige Vereinbarkeit von Beruf außerhalb und Arbeit in der KURVE – dafür gibt es bessere Zeitzeug/inn/en.

Von meiner Seite kann ich aus der Anfangszeit noch aus einem Tagebucheintrag beisteuern:

„11. 2. 1980
Treffen in Gartow: 3 Aspekte:
a) der Landkreis: alle diese Orte im Wendland von Gedelitz bis Trebel, von …itz bis Gartow - haben schon eine so sanfte Klangmagie, wie sie auch aus der Landschaft (Haufen und Runddörfer in weiten Ebenen) herausstrahlt. Eine Perle deutscher Einsamkeit und Behaglichkeit, die dank ihrer natürlichen Frische und Herbheit nicht Gefahr läuft, eine Behaglichkeit der biederen Kartoffelpüreeart zu werden.

b) Das Treffen: Samstag1 ca. 14 Teilnehmer - von Hannover mit Harmen Storck, Theo Ebert und Reiner Steinweg gefahren - mit letzterem die familiären Gemeinsamkeiten aufgetan: Er wohnte mit meinen Eltern einige Monate 1946 im Pfarrhaus in Lüdenhausen zusammen und verkaufte als Junge unserer Mutter Sauerampfer. Na, das war eine lustige Fahrt.
Kennengelernt habe ich dabei auch Hans Konrad Tempel, einen Altvorderen, der 1960 die Ostermarschbewegung initiierte. […]
Zentral war ein Brainstorming, das 50 Punkte für Programmgestaltung erbrachte. Wichtig für mich, dass auch Spiele nicht ausgeschlossen bleiben. Für mich ein Zeichen der notwendigen Totalerfassung oder mindestens deren Versuch.

c) Die emotionalen Spannungen. Da war zunächst ein Erfolg, weil Tempel unter leichter Mithilfe von mir und Reiner Steinweg einen Staatsstreich in der Diskussion gegen das „Sie“ durchführte. Das „Du“ wurde damit zur einiges erleichternden Regel.
[…]

As time goes by…

Martin Humburg

Dr. Martin Humburg, Jg. 1956; Studium Germanistik /Geschichte und Psychologie; Examensarbeit in Geschichte zu "Gewaltfreier Kampf - Historische und psychologische Aspekte ausgewählter Aktionen aus Mittelalter und früher Neuzeit"; Promotion in Psychologie / Geschichte (Gießen, 1998): "Das Gesicht des Krieges - Feldpostbriefe deutscher Wehrmachtsoldaten aus der Sowjetunion 1941-1944".
1976/77 im Rahmen der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste in Frankreich beim "Mouvement pour une Alternative Non-violente"; seit Ende der 1970er Jahre in Kontakt mit dem Gründungskreis der KURVE; von 1986-1989 zusammen mit Wolfgang Hertle hauptamtlicher Mitarbeiter.
1990 Beginn der Dissertation. Seit 1993 etwas überbeschäftigt in psychologischer und pädagogischer Berufstätigkeit in Ostwestfalen.
Mit dem Wendland auch durch langjähriges Leben in Woltersdorf und Satemin verbunden - und immer mal wieder mit allen Sinnen, soweit sie zur Verfügung stehen, sehr gerne vor Ort.

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