Georg "Schorsch" Meusel
Der politische Prager Frühling
Aus der Sicht eines kritischen DDR-Bürgers
On-line gesetzt am 15. September 2019
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Es war Frühling im Land, schon der April 1968 so warm, dass man sich auf der Waldwiese sonnen konnte. Frühlingswind wehte aus Prag herüber, ein neuer politischer Wind, der hoffen ließ, das erstarrte System könnte zu einem menschlichen, demokratischen Sozialismus reformiert werden. Nachrichten von Besuchern der Tschechoslowakei ließen aufhorchen. Tschechen und Slowaken waren unter den Reformkommunisten um Alexander Dubcek mit einem mal vom Sozialismus begeistert. Die Arbeitsproduktivität stieg enorm. Mit Sympathie und atemloser Spannung wurde in der DDR die Entwicklung im Nachbarland verfolgt.
Ich weilte zu einer Kur in Bad Brambach. Im Lesesaal lag die Tschechoslowakische Zeitschrift "Im Herzen Europas". Aus politischen Artikeln unterstrich ich ganze Passagen, die mich faszinierten. Am nächsten Tag lag die Zeitung noch da. Doch die betreffenden Seiten waren herausgerissen. Hatten die brisanten Sätze einen anderen begeistert oder erschreckt? Es dauerte nicht lange, bis diese Monatsschrift in der DDR völlig verschwand.

Prag-Besucher berichteten von einem Schriftzug auf den Platten des Wenzelsplatzes: "Die DDR braucht einen Dubcek !". Es wurde spannend.
21. August. Die Nachrichten meldeten den Einmarsch der Truppen des Warschauer Vertrages in die CSSR. Fassungslos hörten wir die Berichte. Ich war völlig aufgewühlt. Gewaltfreier Widerstand im ganzen Nachbarland durch Menschen, die kaum etwas von Gandhi und Martin Luther King gehört haben dürften. Sympathiebekundungen bei uns. Im Betrieb wurden sofort Versammlungen einberufen und versucht, die "brüderliche Hilfe" zu rechtfertigen. Doch meine Kollegen hielten mit ihrer Meinung nicht hinter den Berg. Wir waren aufgebracht und fragten immer wieder: "wer hat um Hilfe gerufen?" und "warum ausgerechnet wieder deutsche Soldatenstiefel?". Zwei Fragen, auf die die Funktionäre nur hilflos reagieren konnten.
Sonntag, den 25. August. Die Hochzeit meines Bruders Michael. Den ganzen Abend lang rollten dröhnend Panzer hinter Kirche und Pfarrhaus vorbei.

Am Montag um zwölf Uhr sollte in Prag der Generalstreik ausgerufen werden. In meiner Verzweiflung spielte ich mit dem Feuer. Fünf bis zehn Minuten vor der Mittagspause machten sich die Kollegen über den Hof und über die Straße zum Speisesaal auf den Weg. Ich blieb noch zurück. Eine Minute vor zwölf Uhr wählte ich die Pförtnernummer und sagte mit verstellter Stimme, einen Putzlappen vor dem Mund: "Bitte sofort den Alarmknopf drücken!". Sekunden später heulte die Sirene. Gespielt langsam, mit klopfendem Herzen, ging ich in Richtung Speisesaal. Die Betriebsfeuerwehrleute kamen mir entgegengerannt und suchten den Brandherd. Ich bekam ein schlechtes Gewissen. Nachdem Parteisekretär und Betriebsleitung den politischen Hintergrund kapiert hatten, wurde der Schlosser Hans Zettl, der den Zeugen Jehovas angehörte, vernommen. Das war allerdings eine Fehleinschätzung, da zwar die Bibelforscher den Staat ablehnen, sich aber nicht politisch betätigen. Auf mich fiel kein Verdacht. Nochmal davongekommen. Andere wurden damals wegen ein paar Flugblättern inhaftiert.

Ich sammelte aus Tauschannoncen von Briefmarkensammlern und aus meinem Bekanntenkreis Adressen von Tschechen und Slowaken. Wir verteilten sie in der Jungen Gemeinde und schrieben Entschuldigungsbriefe. Auf einige kam Antwort. Ein Klassenkamerad meines Bruders, inzwischen SED-Mitglied, warnte mich besorgt-freundschaftlich, ich solle vorsichtig sein. Unser Familienurlaub in Reinhardtsdorf/Sächsische Schweiz scheiterte an der Reisesperre ins Grenzgebiet.

Viele Menschen wurden aufgewühlt von den Prager Ereignissen, als sich Jan Palach aus Protest gegen die sowjetische Okkupation auf dem Wenzelsplatz verbrannte. Was ich nicht bzw. nicht mehr wusste, fand ich 1994 in meiner Stasiakte unter dem 25.1.69 vermerkt:

"Konfisz. Brief des MEUSEL an Prof. Josef L. Hromadka, (... Schwärzung). M. schreibt im Zusammenhang mit den Trauerfeierlichkeiten für den Studenten-Selbstmörder in Prag (gemeint ist Jan Palach, der sich aus Protest gegen die Invasion auf dem Wenzelsplatz selbst verbrannt hatte, d. V.) und bringt seine Sympathie für das tschechische Volk zum Ausdruck. Er verurteilt die im Aug. 1968 getroffenen Maßnahmen der soz. Staaten und die Beteiligung der DDR dabei" (1)

Hromadka war Präsident der weltweit blockübergreifenden Christlichen Friedenskonferenz, die eine gewisse Staatsnähe zu den Sozialistischen Staaten pflegte, und nun an der kontroversen Bewertung der Invasion zu zerbrechen drohte.

Einige Zeit später, als wir wieder in die Tschechoslowakei reisen dürfen, besuchten mein Freund Hansjörg Weigel mit Familie, meine Frau und ich den Philosophen Milan Machovec, der zu den Prager Reformern gehörte und das Buch "Jesus für Atheisten" verfasst hat. Ich war kein Freund von Konspiration. Aber manchmal schien es mir nicht anders zu gehen. Ich hatte die Adresse von Machovec verschlüsselt notiert. Ein Telefon besaß nur die Frau, wo er zur Untermiete wohnte. Er war noch nicht da, kam aber bald. Mit Orgelspiel verdiente sich der geschasste Marxismus-Professor einen spärlichen Lebensunterhalt. Mein Freund Hansjörg Weigel klagte, sein Sohn Andreas sei begabt, habe aber in der DDR keine Perspektive. Machovec antwortete: "Er hat keine Perspektive - aber er hat Zukunft".

Was allerdings mit der Invasion 1968 in Prag an Zukunft zerstört wurde, sah ich nicht wieder gutzumachen. Ich war von Jugend auf leidenschaftlich politisch interessiert gewesen. Weder der Mauerbau in Berlin aber - noch die Ermordung Martin Luther Kings haben mich so tief und nachhaltig erschüttert wie die Zerschlagung des Prager Frühlings.

Brechts ’Schwejk im Zweiten Weltkrieg", im USA-Exil entstanden, im Berliner Ensemble. Von Hanns Eisler mit Smetanas Moldau-Klängen unterlegt: "Am Grunde der Moldau wandern die Steine, es liegen drei Kaiser begraben zu Prag. Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag".
Beifall auf offener.Bühne.


Schorsch Meusel warjahrzehnte lang in der (christlichen) DDR-Friedensbewegung der Region um Zwickau mit Verbindungen zu anderen Aktiven der Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsbewegung in der DDR aktiv. Er suchte aber auch Kontakte zu friedensbewegten Menschen in Westdeutschland, Österreich und Holland. Einige der Freunde aus dem Ausland kamen auch zu den Friedensseminaren nach Königswalde, die Schorsch mit Hansjörg Weigel ab 1973 zwei mal im Jahr organisierte. Nach der Wende gründete er das Martin-Luther King Zentrum in Werdau . Schorsch ist politisch interessiert und aktiv geblieben. Selbst sein Hobby, die Philatelie setzte er wirkungsvoll ein, wie die dargestellten Briefumschläge aus dem letzten Jahr der DDR demonstrierten. (Wolfgang Hertle)

Martin-Luther-King-Zentrum für Gewaltfreiheit und Zivilcourage e.V.
http://www.martin-luther-king-zentrum.de/mlkz/aufsaetze-texte/georg-meusel

https://de.wikipedia.org/wiki/Friedensseminar_K%C3%B6nigswalde

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