Mururoa 1973
Die internationale Kampagne gegen die französischen Atombombenversuche
„Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv!“
On-line gesetzt am 5. Januar 2018
zuletzt geändert am 4. März 2018

von Wo
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Als sich am 5. August 1973 die Unterzeichnung des Moskauer Atomsperrvertrages zum zehnten Male jährte, stellte Alva Myrdal, die schwedische Delegierte bei der Genfer Abrüstungskonferenz fest, daß dies ein „Tag der Trauer" sei. Dem Verbot der Testversuche in der Atmosphäre - auf welche die USA, Großbritannien und die UdSSR verzichten konnten, weil sie ihre Bomben weit genug entwickelt hatten - folgte nicht nur kein Verbot der unterirdischen Versuche, sondern Frankreich und China fuhren unbeirrt fort, durch ihre Tests die Atmosphäre zu verseuchen. Der Starrsinn der französischen Regierung deutet darauf hin, dass sie in einem politisch oder zunächst auch nur militärisch geeinten Europa von den USA die politische und militärische Führung übernehmen möchte.


Bei der Kampagne gegen die französischen Atombombentests ging es also um zweierlei: einmal um den unmittelbaren Kampf gegen die Verseuchung der Atmosphäre um das Mururoa - Atoll und damit auch um die Gefährdung der neuseeländischen und australischen Bevölkerung, und zum anderen um den Kampf gegen die drohende Ausstattung Europas mit einer Atomstreitmacht. In der Presseberichterstattung, und dadurch auch in der Kampagne, hatte der Kampf gegen den Fallout eindeutig den Vorrang vor dem langfristigen Widerstand gegen die Atomstreitmacht Europa. Weil wir dieser aber in den nächsten Jahren mit einer konstruktiven Alternative zu widerstehen haben und dies mit Aussicht auf Erfolg nur in international koordinierten Aktionen geschehen kann, verdient diese jüngste internationale Kampagne und auch ihre Vorläufer die ausführliche Berichterstattung und nachträgliche Analyse aller transnational ausgerichteten Basisgruppen.

Ursprünge der Kampagne
Französische Regierungssprecher haben zugegeben, daß die weltweite Kampagne gegen die Testversuche im Jahr 1973) ein nie gekanntes Ausmaß angenommen hat. Die direkten Aktionen der gewaltfreien Bewegung forderten die Regierung Neuseelands heraus, selbst neue Formen der Intervention zu finden. Es ist möglich, daß die Anwesenheit des neuseeländischen Kriegsschiffes „Otago" weltweit mehr Echo in den Massenmedien hervorrief als die private Flotte kleiner Segelschiffe, aber die Weltöffentlichkeit hat auch registriert, dass es mehr Engagement erfordert, auf privat finanzierten, gegen Atomexplosionen ungeschützten Booten dem organisierten Wahnsinn einer staatlichen Rüstungsmaschine zu widerstehen, als auf einem gegen Druck und Strahlen geschützten Kriegsschiff.

International organisierte Protestfahrten in Gefahrengebiete haben eine längere, in Deutschland wenig bekannte Tradition(1). 1958 segelte als erstes derartiges Unternehmen der direkten Konfrontation mit der Atombombe die „Golden Rule" von Kalifornien in das amerikanische Testgebiet im Südpazifik. Man wollte damit auch an die Besatzung des japanischen Fischerbootes „Glücklicher Drache“ erinnern, die am 1. März 1954, 150 km vom Bikiniatoll entfernt, durch die Explosion einer amerikanischen Wasserstoffbombe radioaktiv verseucht und qualvoll zu Tode gefoltert wurde. Der „Golden Rule" folgte die „Phoenix“ ins selbe Gebiet; 1961 segelte sie dann nach Leningrad, wo ihrer Mannschaft verboten wurde, mit der dortigen Bevölkerung über das Thema Atombomben zu diskutieren.
Die „Everyman I“ wurde vom amerikanischen Committee for Non-Violent Action (CNVA) dreimal gegen amerikanische und einmal gegen sowjetische Tests gesandt. Weitere Everyman-Fahrten(I, II, III) und die Transporte von Medikamenten und Lebensmittel in beide Teile Vietnams durch die „Phoenix“ führten über die Amchitka - Kampagne 1971 zur ersten „Greenpeace"-Aktion.


Der Begriff „Greenpeace“ und das entsprechende Zeichen der Bewegung entstanden im Sommer 1971 in Vancouver, Kanada, als Umweltschutzgruppen, Antimilitaristen und Anarchisten ein Baugrundstück im Stadtzentrum besetzten, mit Lastwagen tonnenweise fruchtbares Erdreich anfuhren, Blumen und Bäume pflanzten und das Areal zum „All Seasons Park“ erklärten. Die Gruppe wurde von Charles Reich („Die Welt wird jung“) und noch mehr vom Anarchisten Murray Bookchin beeinflusst, in dessen Buch „ Post-scarcity anarchism" die Bedeutung der Ökologie für die Revolution und die Notwendigkeit einer neuen, befreienden Technologie unterstrichen werden. Das Greenpeace-Zeichen setzt sich zusammen aus dem Symbol der „Friends of the Earth" und dem Zeichen der Atomwaffengegner. Eine große Kampagne unterstützte in ganz Nordamerika die Fahrten der Greenpeace l und II im November 1971 in das amerikanische Nukleartestgebiet um Amchitka (Aleuteninseln) und 1972 Greenpeace III nach Mururoa. Letztere wurde vom französischen Minenräumboot „La Paimpolaise" gerammt und fahruntüchtig gemacht.

Schon 1972 gabe es (nicht eingehaltene) Ankündigungen verschiedener Regierungen, Boote zu senden oder sogar von australischen Parlamentsabgeordneten, mit dem Fallschirm und einem Schlauchboot über Mururoa abzuspringen. Greenpeace agitierte 1972 massiv während der Umweltschutzkonferenz in Stockholm. Für die Organisation der „Econauticals 73" trat die neuseeländische Organisation PEACE MEDIA federführend auf. Sie wurde bald von der kanadischen Greenpeace Foundation, von ATOM (Against Tests On Mururoa) auf den Fidschiinseln, Gensuiken (Japan) und europäischen Organisationen unterstützt.

Protest als organisatorisches Problem
Da die französische Regierung seit der Belästigung durch Greenpeace III im Jahr 1972 keinerlei Informationen über Zeitpunkt und Dauer der Tests bekanntgab, beschloss man, zwischen April und Anfang September 1973 jeweils mindestens ein Boot in der Testzone zu haben, was bedeutete, daß ständig mindestens drei Boote unterwegs waren (eines auf dem Hin- und eines auf dem Rückweg). Boote und erfahrene Segler fanden sich leichter als Geld...
Obwohl man nach den Erfahrungen des letzten Jahres größere Schiffe und nur erfahrene Segler wählte, die Decks gegen Druckwellen (durch Hurrikans oder Atombombenexplosionen) verstärkte, sie mit starken Funkgeräten (3000 Seemeilen Reichweite) ausstattete, mußten im Verlauf der Kampagne mehrmals Boote wegen Sturmschäden, Verletzungen oder Lebensmittelknappheit umkehren.

Als erste war die „Fri", ein ehemaliger Ostseeschoner mit internationaler Besatzung (13 Männer und Frauen aus Neuseeland, Amerika, Holland, England und Frankreich) am 30. März von Whangarai, Neuseeland gestartet. Mit 150 Fuß das größte der Boote, hatte es die Funktion des Mutterschiffes der Friedensflotte. Bis zum Piratenakt der französischen Marine, die sie aus dem Testgebiet entfernte, hatte sie 3000 Seemeilen in 120 Tagen durch Windstille und Orkane zurückgelegt. Die „Fri" unter ihrem 27 jährigen Kapitän David Moodie war in San Francisco registriert. Die US-Küstenwache hatte erklärt, daß sie ihr keinerlei Schutz gewähren könne, falls sie in die von den Franzosen willkürlich festgelegte Zone eindringen sollte. Die Vereinten Nationen gaben daraufhin den beiden Booten die Erlaubnis, unter ihrer Flagge zu segeln.
Neben der „Fri" und Greenpeace III, waren unter teilweise beträchtlichen finanziellen, zeitlichen und kräftemäßigen Opfern die Boote „Spirit of Peace", „Blue Nose", „Arakiwa", „Warana", „Arwen", „Barbary" und „Tanéa" unterwegs, die allerdings nicht alle bis ins Testgebiet gelangten. Von der Kanuflotte mit je 5 Mann, die von den Gewerkschaften der Fidschiinseln angekündigt waren, hörte man allerdings nichts mehr. Das waren wohl ebenso vorschnelle Ankündigungen, wie die Geheimwaffe australischer Biologen, welche eine neu entdeckte, gegen Insektizide immune Reblausart gegen den französischen Champagner einführen wollten, falls die Tests beginnen sollten.

Konfrontation Im Testgebiet
Jean-Jacques Servan-Schreiber hatte in Papeetee gegenüber der Presse gesagt, daß die meteorologischen Verhältnisse so beschaffen seien, daß die Tests wohl für dieses Jahr ganz abgesagt werden müssten, falls es gelänge, die Protestflotte bis Ende August im Testgebiet zu halten. In Australien kündigte man daher die „wichtigste Auseinandersetzung auf See seit Dünkirchen" an.
Zu dieser Zeit konnte man noch nicht wissen, daß es das Patrouillenboot „La Dunkerquoise" sein würde, welches der „Fri" den amtlichen Befehl des Admirals Claverie überbrachte, in dem dieser sie zum Verlassen der 70 Meilenzone um Mururoa aufforderte. Marineflugzeuge überflogen mehrmals haarscharf den Schoner und nachdem die „Fri" drei Stunden diesen Befehl ignoriert hatte, wurde sie von 3 Kriegsschiffen umkreist. Ein Enterkommando von 20 Matrosen in 2 Schaluppen bemächtigte sich des Schiffes und schleppte es nach Mururoa ab. Vorher allerdings wurde dreimal das Abschleppseil durchschnitten, musste erst der Kapitän und sein Steuermann aus dem Meer gefischt, ein Teil der Besatzung vom Mast geschnitten werden (an den sie sich angekettet hatten) und der Rest vom Schiffsgrund hoch getragen werden. Alle Möglichkeiten der Nichtzusammenarbeit wurden ausgeschöpft, vom Verstecken der Pässe bis zur Weigerung, sich zu bekleiden. (Ein Großteil der Besatzung war nackt, was die Matrosen sichtlich verunsicherte.) Während der folgenden Haft auf der Base Hao traten einige in den Hungerstreik. Als später die Greenpeace III aufgebracht wurde, gingen die französischen Matrosen weniger zimperlich mit den Protestierenden um; die kanadische Regierung musste energisch gegen die brutalen Methoden protestieren.


Zusammenfassend ist festzustellen, daß im Vergleich zum Vorjahr die Protestaktionen selbst und auch das Echo in den Massenmedien an Umfang zugenommen haben, die Unterstützung breiter Teile der Weltöffentlichkeit wurde deutlich. Zwar konnten auch dieses Mal die Tests nicht ganz verhindert werden, aber feststeht, daß sie verzögert wurden und daß Frankreich es sich nicht mehr lange leisten kann, Versuche in der Atmosphäre durchzuführen. Wenn es allerdings, wie geplant, zu unterirdischen Versuchen überginge, wird das direkte Vorgehen gegen diese ähnlich schwierig werden wie vergleichbare Aktionen gegen die chinesischen Atomexplosionen.

Halbherzige Profi-Politiker in Neuseeland
Die Haltung der neuseeländischen Regierung zur Peace Media-Greenpeace-Flotte war zwiespältig und änderte sich mit den Schwankungen der öffentlichen Meinung. Im April schrieb der Ministerpräsident Kirk an Peace Media, daß seine Regierung den diplomatischen Schutz ausüben würde, der gewöhnlich neuseeländischen Schiffen bzw. Bürgern außerhalb der Landesgrenzen gewährt würde. Dies sei jedoch keine offizielle Unterstützung des „Reiseprogramms" von Peace Media. Im Juni 1973 weigerte sie sich, auf dem Kriegsschiff Otago dringend benötigte Lebensmittel und Ersatzteile mitzunehmen. Die „Manuvai" durfte nicht aus Rarotonga, einem Hafen in Nordwest-Neuseeland auslaufen, weil diese Gegend wirtschaftlich vom Handel mit Französisch Polynesien abhängig war. David Moodie erklärte, daß die „Fri" in keiner Weise die neuseeländische Regierung in ihren Protest einmischen und nur Hilfe annehmen wolle, wenn Leben In Gefahr sei.
„Wir haben 7700 Seemeilen zurückgelegt, das meiste unter Segel und damit bewiesen, daß wir uns um uns selbst kümmern können. Anders als die Fregatte, die alle Strahlenschutzvorrichtungen hat, sind wir völlig ungeschützt gegen den Fall-out. Unsere Zerbrechlichkeit (frailty) ist unser Schutz!"
Kirk meinte dagegen die ‚Amateure" aufrufen zu müssen, den Platz den Profis, d. h. der neuseeländischen Marine zu überlassen und abzuziehen. Erst nach dem Piratenakt der französischen Marine gegen die „Fri" und der dadurch hervorgerufenen Empörung in Neuseeland versprach er, daß die Kriegsschiffe bei der Testserie im nächsten Jahr aktiv die Rechte der privaten Protestboote schützen würden.


Proteste in Frankreich
Seit 1960 experimentiert Frankreich mit Atombombenexplosionen und seit dieser Zeit reißen die Proteste gegen diese nicht ab. Die Atomwaffengegner-Bewegung der 60er Jahrin Frankreich blieb ähnlich wie in England bis heute aktiv, dennoch erreichten die Aktivitäten nie das Ausmaß des englischen Campaign for Nuclear Disarmement und des "Komitee der 100" . Seit 1968 war eine gewisse Ermüdung zu spüren, aber 1973 erwachte die in diesem Punkt resignierte antimilitaristische und gewaltfreie Bewegung in Frankreich, als die Welle des Protests aus der ganzen Welt und insbesondere im Pazifik Ausmaße annahm, mit denen kaum jemand mehr gerechnet hatte. Dann allerdings erschütterten Aktionen und öffentliche Erklärungen nicht nur die Beziehungen zwischen Kirche und Armee, sondern führten zu erbitterten Auseinandersetzungen in fast allen Parteien, einschließlich der regierenden Mehrheit und innerhalb der Armee. Auslöser dieser Auseinandersetzungen waren prominente Vertreter der Gewaltfreiheit wie General Bollardière, Jean Toulat und Jean Marie Muller. Sie schafften es, öffentlich in breitester Form nicht nur ihre Opposition zur Atombombe und zur militärischen Verteidigung, sondern auch die Alternative der Sozialen Verteidigung sowie deren logische Verbindung mit der gewaltfreien sozialistischen Revolution in die große Presse, in Rundfunk und Fernsehen zu bringen. Dies ist ein beachtlicher Erfolg, wenn auch gewaltfreie Aktionen, außer der Intervention im Versuchsgebiet selber, relativ selten blieben. So waren am Marsch London-Paris und nach dessen Verbot innerhalb Frankreichs nur wenige Franzosen beteiligt. Die gewaltfreie Bewegung war zu der Zelt stark in lokalen Aktionen der Larzac- Kampagne und der Kriegsdienstverweigerer-Arbeit engagiert, „Greenpeace Frankreich", im März von gewaltfreien Gruppen in Lyon, Tours, Marseille, Besancon, Montpellier und St. Etienne, sowie dem Versöhnungsbund gegründet, nahm den ersten Anlauf, als der Marseiller Priester und Werftarbeiter Gilbert Nicolas, Leiter der dortigen gewaltfreien Aktionsgruppe sich nach Lektüre von „Peace News" entschlossen hatte, Mannschaftsmitglied des Protestschiffes „Fri" zu werden und am 7. März nach Polynesien aufbrach. Alle folgenden Aktionen in Frankreich stießen allerdings auf harte Repression: Demonstrationen In Lille, Bayonne, Brest, Nizza wurden verboten, in Beauvais trieb man 150 Demonstranten brutal auseinander. René Cruse, der Vorsitzende des französischen Versöhnungsbundes (der vor Gericht stand, weil er das Gesetz über Kriegsdienstverweigerung verbreitete !) berichtet, daß in Paris, Amiens und Taverny, der Kommandozentrale für die Nuklearwaffen, ausgesuchte Polizeimannschaften vorsorglich stationiert wurden, um jede Demonstration zu verhindern.

Am 6. Mai fanden in 10 französischen Städten Märsche und Demonstrationen von 80 Umweltschutz- und Antimilitarismusgruppen statt. Unter dem Eiffelturm wurden 3000 Atombombengegner auseinandergeknüppelt, wobei viele verletzt wurden. Am 23. Mai demonstrierten 20 gewaltfreie Aktivisten auf der Messe von Bordeaux vor dem Stand der Luftwaffe, wo eine Mirage III ausgestellt war, Auf sie hetzte man Polizeihunde, die bissen, und manche Demonstranten an den Haaren wegschleiften. Eine Reihe von politischen Gruppierungen wie die kommunistische, die sozialistische Partei,die PSU, die Gewerkschaften, gewaltfreie Aktionsgruppen, Umweltschutz- und Kriegsdienstverweigerer Vsserbände veröffentlichten immer wieder gemeinsame Protesterklärungen. In der Nacht zum 13. Juni wurden in ganz Paris 5000 Plakate mit folgender Aufschrift geklebt:

„Ministerium für nukleare Angelegenheiten! Bekanntmachung an die Bevölkerung:
1. Da die Regierungen von Neuseeland. Australien und Japan ihr Missfallen gegen die beabsichtigten französischen Atomtests bekundet haben und das Urteil des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag ungünstig ausfiel, und um
2. der Weltmeinung zu beweisen, daß die Radioaktivität durch den Fall-out ungefährlich ist, kündigen wir
3. an, dass die Tests in Zukunft nicht auf Mururoa stattfinden werden, sondern in Südfrankreich..“

Am Morgen konnte man überall Polizisten Plakate abkratzen sehen und die Regierung musste dementieren, dass es sich um offizielle Bekanntmachungen handelte. Die satirische Wochenzeitung „Charlie Hebdo" veröffentlichte eine viel beachtete Resolution, die verlangte, die Atombombe auf dem Eiffelturm zu zünden, da sie (wie die Regierung erklärte) ja völlig ungefährlich sei und es nicht einzusehen sei, warum die Franzosen auf dieses Schauspiel verzichten sollten, wenn sie schon soviel dafür zahlen müssten.


Die bekannten gewaltfreien Aktivisten Jean Toulat, Jean Marie Muller und General a. D. Bollardière beschlossen, zusammen mit dem Vorsitzenden der „radikalsozialistischen" Partei (Reformer) und Abgeordneten von Nancy, J. J. Servan-Schreiber, ein französisches „Friedensbataillon" aufzustellen. Der Abgeordnete für Tahiti in der französischen Nationalversammlung, Francis Sandford, der der autonomistischen Oppositionspartei angehört, hatte während des London/Paris-Marsches die französischen Bombengegner gebeten, zu einer Kundgebung nach Papeetee, der Hauptstadt von Tahiti, zu kommen. So nahm man dies zum Anlass, insgeheim alle Möglichkeiten zu erforschen, zur Protestflotte zu stoßen. Vor der Stadthalle von Papeetee fand am 23. Juni eine Demonstration im bunten Südseestil statt, auf der neben den genannten auch die reformerische Abgeordnete von Forbach, Anne-Marie Fritsch (Slogan: Stoppt die Atomversuche, Schluss mit der Kriegsindustrie ) und die sozialistischen Abgeordneten von Savoyen, Louis Besson, der ein Referendum über die force de frappe verlangte und des Departements Cötes du Nord, Josselin sowie der Dominikanerpater Avril und der Pastor Richard-Molard Ansprachen hielten.

Die 5000 Anwesenden (das ist etwa ein Zehntel der eingeborenen Bevölkerung) waren sichtlich von den Ansprachen (aber auch von den Trikoloreschärpen der 5 Abgeordneten) beeindruckt und man konnte immer wieder hören:
„Ihr zeigt uns, daß es auch Franzosen gibt, die uns nicht als Versuchskaninchen behandeln."

Während die übrigen prominenten Demonstranten nach Frankreich zurückkehrten, um verstärkt die Kampagne in der Metropole aufzunehmen - sie gründeten das überparteiliche Komitee "Franzosen gegen die Bombe", das mit Plakaten, Aufklebern, riesigen Anzeigen in der Presse usw. Aufsehen erregte - suchtn Bollardière, Muller, Toulat und Brice Lalonde, Vorsitzender von „Amis de la Terre", nach einem Boot, das sie nach Mururoa bringen würde. Am 1. Juli starteten sie auf der "Arwen" zu einer abenteuerlichen Fahrt. Sie fanden tatsächlich die „Fri", was kein einfaches Unternehmen war und setzten zu ihr über. Zu der Zeit hatte der Count-down bereits eingesetzt, musste aber wieder einmal unterbrochen werden.
Die "Fri" hatte schon vorher durch Presseberichte in der ganzen Weit ein wirksames Schutzschild erhalten. Bei der Bekanntheit des Generals Bollardière in Frankreich aber war es völlig unmöglich, die Bombe zu zünden, solange sich das Protestboot im Gefahrengebiet befand. Der 66jährige General hatte in Afrika, Narvik, Indochina und Algerien gekämpft und war von de Gaulle in den exklusiven „Orden der Befreiung" aufgenommen worden.
Das „Selbstmordunternehmen" im Pazifik verglich er mit dem Todesurteil, das die Vichy-Regierung gegen ihn ausgesprochen hatte, sowie mit seiner Überfahrt in einem Fischerboot nach England, um die Resistance-Armee unter de Gaulle zu erreichen. Nach 30 Jahren Dienst war er aus dem aktiven Offiziersdienst ausgeschieden, weil er das verbotene Buch von J. J. Servan-Schreiber „Leutnant in Algerien" und dessen Kritik an den Foltermethoden der französischen Kolonialarmee in Algerien begrüßt und dafür Festungshaft erhalten hatte. Obwohl er Reserveoffizier blieb und also im Kriegsfall eventuell ein Kommando hätte übernehmen können, brachte ihn die Tatsache. daß General Massu, der sich öffentlich stolz zu seinen Folterbefehlen bekannte, "selbstverständlich" in der Armee blieb, sowie seine Überzeugung, daß die französische Atommacht nicht nur gefährlich, sondern auch noch völlig nutzlos ist, allmählich zu einer radikalen Infragestellung der militärischen Verteidigung.
Es ist daher auch kein Wunder, daß er in all seinen Interviews und auf Vortragsreisen für die Erforschung der Sozialen Verteidigung warb, und dabei auf King-Hall, Sharp und Ebert hinwies.

Jean-Marie Muller, Philosophieprofessor aus Orleans, schrieb Bücher über gewaltfreie Strategie und gilt bei vielen als theoretischer Kopf der gewaltfreien Bewegung in Frankreich. Er hatte nach seiner Rückkehr aus dem Algerienkrieg zusammen mit zwei Priestern demonstrativ seinen Wehrpass an das Armeeministerium zurückgeschickt. Bei dieser Gelegenheit hatte er die Freundschaft des Bischofs von Orleans, Riobé gewonnen, der jetzt wiederum die Expedition des Friedensbataillons mit einer öffentlichen Erklärung unterstützte. Dies sollte eine ernste Krise zwischen der katholischen Kirche und der Armee hervorrufen. Jean Toulat, Pfarrer in Poitiers und Schriftsteller, war von der Armee schon 1970 als „subversives Element" bezeichnet worden, als sein Buch „La Bombe ou la Vie" (Die Bombe oder das Leben) aus den Soldatenbüchereien verbannt wurde.

Französische Bischöfe solidarisieren sich mit gewaltfreien Aktivisten
General Bollardière schrieb sofort nach dem „illegalen Akt der Piraterie" an Pompidou, dass er seinen Orden der Ehrenlegion zurückgäbe. Die Antwort des Ministerrats war der Ausschluss aus der Armee, da er die Diskretion, die auch ein Offizier in Reserve zu wahren habe, nicht aufgebracht habe. Allerdings hatte dies wiederum zur Wirkung, daß sich viele höhere Offiziere in der Öffentlichkeit, wenn auch nicht voll solidarisierten, so doch seinen Mut bewunderten und darauf hinwiesen, daß noch kein Offizier für öffentliche Erklärungen für die Bombe getadelt wurde.
Verteidigungsminister Galley veranlasste den obersten Admiral Joybert, in scharfer Form auf die Stellungnahme von Bischof Riobé zu antworten. In gröbstem Ton richtete dieser an die Bischöfe die Warnung, sich um ihre Angelegenheiten zu kümmern und der Armee zu überlassen, welche Mittel zur Verteidigung ihr gut erschienen. Offensichtlich war die Kritik des Bischofs von Orleans als Zeichen des in den letzten Jahren gewachsenen Widerstandes der französischen Kirchen gegen die Armee im allgemeinen und der force de frappe im besonderen Anlass für die Regierung, nicht länger hinzunehmen, daß die Jahrhunderte alte „Allianz von Schwert und Krummstab" aufgekündigt würde. Schon 1970 hatte der Erzbischof von Toulouse den selben Grundgedanken wie Riobé formuliert, dass jetzt, da Frankreich bewiesen habe, in der Lage zu sein, Atombomben herzustellen, es eine lawinenartige Steigerung der Abrüstungsbemühungen anderer Länder hervorrufen könne, falls es von sich aus sein nukleares Potential vernichtete. Auf der Plenarsitzung des französischen Episkopats 1972 in Lourdes wurden die nukleare Rüstung und die daraus entstehenden unsozialen
Kosten ebenso verurteilt wie der Waffenexport Frankreichs in alle Welt.

Ähnlich erklärte sich im April 1973 der Rat der protestantischen Föderation. Die Bischöfe von Grenoble, Arras, Verdun, Reims, St. Etienne und Paris hatten sich immer wieder mit persönlichem Engagement (inklusive Hungerstreik für Larzac) gegen die Ausbeutung der Gastarbeiter, gegen die Todesstrafe, für Kriegsdienstverweigerer, für streikenden Arbeiter bei Lip usw. eingesetzt, wobei man fast jedes mal feststellen kann, dass gewaltfreie Aktivisten wie Muller, Toulat, Lanza del Vasto usw. durch persönliche Kontakte an der „Konversion" zur Gewaltfreiheit ei den kirchlichen Würdenträgern beteiligt waren. Ich muss zugeben, es fasziniert mich, wenn die Zeitung ‚Le Monde (tägliche Auflage 500 000) z. B. am 20. September 1973 aus der kleinen Zeitschrift „Combat Nonviolent" (Gewaltfreier Kampf) längere Erklärungen der Bischöfe von Roanne, Autun und Toulouse über deren gewaltfreie Überzeugung von der Notwendigkeit des Kampfes gegen die Atombombe und damit ihre Solidarisierung mit Bischof Riobé übernimmt. In der deutschen Presse ist es noch unvorstellbar, fast täglich und noch dazu aus prominentem Mund die Gewaltfreiheit als Herausforderung an die herkömmliche Politik diskutiert vorzufinden....
Der Militärexperte Beaufre wetterte im „Figaro" gegen den wachsenden „moralisierenden und etwas weibischen Pazifismus" und der Politiker Mendès-France bezichtigte den Pariser Erzbischof des „Marxismus", als er demonstrativ die Einladung zur Parade am Nationalfeiertag ausschlug. Die Regierung wollte sich beim Vatikan über die aufsässigen Bischöfe beschweren.

Es würde hier zu viel Platz einnehmen, alle Kontroversen darzustellen, die sich in diesem Jahr innerhalb der Regierungsparteien (u.a. durch die Erklärung des Parlamentspräsidenten Edgar Faure, dem potentiellen Präsidentschaftskandidaten, die force de frappe sei militärisch sinnlos), der Reformateure (die sich über das Engagement ihres Vorsitzenden Jean Jacques Servan-Schreiber zu spalten drohten) und der Linksparteien, ergaben.
Allerdings muss man zugeben, daß sich Leute wie Muller, Bollardière und Toulat noch zu keiner gemeinsamen gesellschaftlichen Alternative vorgewagt haben, das heisst zu den positiven Inhalten der gewaltfreien Revolution. Jean Marie Muller erklärte jedoch vor der Presse: „Man kann nicht gegen die französische Bombe kämpfen, ohne gegen alle Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft vorzugehen, auf der Suche nach einem Sozialismus mit menschlichem Gesicht"

Greenpeace-Marsch von London nach Paris
Von London nahm der internationale Greenpeace-Protestmarsch seinen Ausgang. Träger waren Friedens- und Umweltschutzgruppen, unterstützt von der War Resisters’ International. Man arbeitete nach demselben dezentralisierten Stil internationaler Zusammenarbeit wie schon bei den Aktionen und Protesten für die spanischen Kriegsdienstverweigereim Jahr zuvor.(3) Da diese Vorgehensweise nicht der Organisationsstruktur und Programmatik der großen deutschen Kriegsdienstverweigerer-Verbände entsprach, nahmen an der Greenpeace-Kampagne auch nur einzelne örtliche Gruppen teil.
Die kanadischen Greenpeace-Gruppen hatten dazu geraten, in Europa bestimmte zeitliche Schwerpunkte für die Kampagne zu setzen. So wurde der 1. März zum internationalen Aktionstag erklärt, da dieser Tag seit Jahren von „Gensuiken", der japanischen Atomwaffengegner-Bewegung als Trauertag für die Fallout-Opfer gefeiert wird. In vielen englischen Städten gab es Straßentheater und Happenings (z. B. Verteilung von „mit Strontium 90 verseuchter Milch) und von diesem Tag an riefen Tausende von Protestierenden jeden ersten und zweiten Mittwoch die von Greenpeace publizierten Telefonnummern französischer offizieller Stellen an (phone-in).

Am 13. März begann der Marsch, der vernünftigerweise von 4 auf 3 Wochen abgekürzt wurde, nach einer Demonstration vor der französischen Botschaft in London. Unter den 50 Marschierenden befanden sich u. a. 7 Australier, 10 Neuseeländer, 4 Amerikaner und der Labour - Abgeordnete Tom Dalyell. In Belgien wurde die Gruppe von 300 Sympathisanten empfangen und außer in Ostende, wo der Bürgermeister den Durchmarsch verbot, war die Reaktion der Bevölkerung freundlich. Die Gruppe wurde durch Norweger, Holländer, Deutsche und Kanadier (Veteranen der Protestaktionen gegen die amerikanischen Tests 1971 in Amchitka) verstärkt. In Kortrijk fand am 24./25. Mai ein Training in gewaltfreier Aktion mit Rollenspielen zur Vorbereitung für den Grenzübertritt statt. Die französischen Behörden verboten jedoch bereits am 25. Mai den Durchmarsch und jede Demonstration in Frankreich, da der Marsch "geeignet sei, die öffentliche Ordnung zu stören".

Konfrontation bei Wattrelos

Am 25. Mai um 14.10 Uhr versuchten die 80 Marschteilnehmer mit 90 Sympathisanten dennoch die Grenze bei Herseaux (Belgien) zu überschreiten. Auf der französischen Seite in Wattrelos erwarteten sie aber nicht nur 200 Gleichgesinnte , darunter Vertreter der Gewerkschaften CGT, CFDT und FEN, der Linksparteien PC, PS, PSU, der Radikalsozialisten sowie der polynesische Abgeordnete Sandford, sondern auch 100 Mann der Spezialpolizeitruppe CRS. Bis 17.30 Uhr ließ man sie im Niemandsland sitzen, bis auch die belgische Polizei ungeduldig wurde. Auf der französischen Seite gab es Tumulte zwischen linken Gruppen, die sich nicht wie die Marschierenden eindeutig zur Gewaltfreiheit bekannten. In der Folge wurde der Sitzstreik ein Stück weiter nach Frankreich hinein verlegt, woraufhin die CRS begannen, mit Fäusten und Füßen zu schlagen, Gepäck in alle Richtungen zu werfen und die Demonstranten mit Gewalt vom französischen Boden zu vertreiben. Man zog sich zurück, nur 15 Leute hielten eine Dauermahnwache. Am Sonntag versuchten es die 125 Greenpeacers erneut in Zweierreihen, wurden aber wieder nicht durchgelassen. Australier und Neuseeländer baten um Asyl in Frankreich, da ihr Land durch die französischen Atomtests unbewohnbar gemacht würde. Blumen wurden auf französischen Boden gelegt, und auch auf die Füße der Polizisten, was diese mit Fußtritten beantworteten.
Die Mahnwache wurde bis Montagabend fortgesetzt. Jede Nacht gingen einige Demonstranten illegal über die Grenze und sprachen auf Kundgebungen in französischen Städten, obwohl diese verboten waren. Auch an anderen Grenzübergängen versuchte man vergeblich durchzukommen. Am 29. Mai wurde eine Delegation von 14 Leuten aus 12 Nationen zur Europäischen Kommission nach Brüssel gesandt, um eine Protestnote abzugeben und eine Mahnwache durchzuführen.
Angekettet in Notre Dame
Der Marsch, der den direkten Kontakt mit der Bevölkerung und Werbung für die pazifische Protestflotte zum Ziel hatte, konnte also in Frankreich nicht fortgesetzt werden. Die Teilnehmer waren gezwungen. sich in Kleinstgruppen aufzuteilen. Dennoch trafen sich fast alle am Samstag, dem 2. Juni 1973 wieder in Paris und dies, obwohl die Polizei an der Grenze Namenslisten und Photos der Marschierer hatte !
Um 16 Uhr nahmen 30 „Touristen" in der Kathedrale von Notre Dame die Enden von Ketten unter ihrer Kleidung hervor und hängten sich mit Schlössern an ihre Nebenmänner rechts und links an. In wenigen Minuten waren so 3 Säulen der Kirche umkreist und die anwesenden Journalisten photographierten die umgehängten Plakate. Hundert Sympathisanten verteiltten Flugblätter, in denen der Sinn der Aktion erklärt wurde und bald waren insgesamt 70 Leute angekettet. Erzbischof Marty war vorher informiert worden und erklärte sich einverstanden unter der Bedingung, dass die Aktion bis zur Abendmesse beendet werde.
Später formiere sich ein Demonstrationszug in Richtung Elysée Palast, der erstaunlicherweise zunächst von der Polizei nicht behindert wurde. Als sie dann doch die Straße absperrte, folgte ein Sit-in, bis einer nach dem anderen der singenden Demonstranten weggetragen wurde.
Ein Teil von ihnen setzte sich von selbst in den Polizeilastwagen. Nachts ließ man alle wieder frei, als die Metro ihren Betrieb eingestellt hatte.

Charakteristisch war auch die Haltung der Linksparteien und Gewerkschaften, die vorher erklärt hatten, für eine legale Demonstration brächten sie Zehntausende auf die Straßen; falls die Demonstration jedoch verboten würde, sei mit so gut wie niemandem zu rechnen.
Dieser Legalismus stand in seltsamem Kontrast zur Weigerung, sich auf gewaltfreie Methoden festzulegen. Die Marschteilnehmer kritisierten anschließend, daß sie und die französischen Koordinatoren sich zu sehr auf solche „Bundesgenossen" verlassen hätten. Der unbürokratische und internationalistische Stil dieses Marsches gehörten zu den bemerkenswertesten Erfolgen.

Greenpeace in der Bundesrepublik (2)
Das Kontaktnetz der deutschen Greenpeace-Aktiven war Im Verlauf der vorjährigen Kampagne zugunsten spanischer Kriegsdienstverweigerer entstanden, in deren Verlauf Wolfgang Kroner in Barcelona inhaftiert worden war. Die beiden Münchener Koordinatoren waren mit in Barcelona gewesen und insofern mit dem dezentralisierten Stil internationaler gewaltfreier Kampagnen vertraut. Informationen aus „Peace News’ und ein Treffen der Europäischen Arbeitsgruppe des Internationalen Versöhnungsbundes gaben den Anstoß, die Greenpeace-Kampagne in der Bundesrepublik aufzugreifen. Ein Leserbrief in der „ Frankfurter Rundschau" führte zum Anwachsen der Zahl der Mitarbeiter. Zu den ersten Aktionen kam es in München an Ostern: Flugblätter in Ostereierform informierten über das französische Testprogramm. Anschließend gab es Straßentheater und andere mehr oder weniger konventionelle Aufklärungsaktionen in Nürnberg. Würzburg, Stuttgart Göttingen, Hamburg, Lübeck, Lichtenfels, Berlin, Minden und Bietigheim, aber auch in anderen Städten wurden insgesamt 18141 Unterschriften gesammelt.

Am 1. Juli sollten diese Unterschriften bei einem "Trauermarsch" in Bonn übergeben werden. Da zur zentralen Aktion nur ein gutes Dutzend Aktive und viel mehr Polizisten erschienen, der Sarg mehr als klapprig war und ein Wolkenbruch niederging, war die Stimmung leicht deprimiert. ...
Ermutigend an der Kampagne in Deutscland war die erfolgreiche Koordination dezentraler lokaler Aktivitäten, die sich durch Einfallsreichtum auszeichneten. Das Echo bei der direkt angesprochenen Bevölkerung war gut, aber die Resonanz in der Presse blieb relativ schwach.

Wenn es gelingt, bei zukünftigen Kampagnen die Skepsis der in Verbänden organisierten Gruppen gegenüber dezentralen Initiativen zu überwinden, liegt in derartigen Kampagnen, neben der ständigen Basisarbeit, die Zukunft der deutschen gewaltfreien Bewegung. Das Fehlen finanzieller und organisatorischer Mittel, der reaktive Charakter einer Abwehr drohender Gefahr, die Tatsache, dass das Übel so weit weg liegt und die in Deutschland fehlende Erfahrung mit offensiven direkten gewaltfreien Aktionen führten dazu, dass die aufklärenden Aktionen überwogen. Die Konsequenz sollte sein, in Zukunft mehr und mehr direkt gegen militärische Einrichtungen in der Bundesrepublik zu intervenieren.
Im vergangenen Jahr erreichte die belgische gewaltfreie Bewegung, daß in belgischen Häfen keine Waffen für Vietnam mehr verladen werden konnten; in Kiel, wohin man die Verladung daraufhin verlegte, fehlten entsprechende Aktionen gewaltfreier Gruppen. In Zukunft sollten also alliierte Waffentransporte, Manöver, Truppenübungsplätze, Kasernen, Kreiswehrersatzämter und Rüstungsfabriken unsere Phantasie und den direkten gewaltfreien Einsatz herausfordern. Dies kann aber nur geschehen, wenn es vermehrt zu lokalen Zusammenschlüssen, zur Kontaktaufnahme zwischen bereits arbeitender Gruppen und zu einem gewaltfreien Training auf breitester Basis kommt.

Aus: gewaltfreie aktion Nr. 17/18, Berlin 1973

( 1) Bei einer Tagung in Bückeburg wurde 1958 beraten, ob auch von Deutschland aus eine Beteiligung an den Protestaktionen in Atomtestgebieten organisiert werden könne, was ohne Folgen hatte, ausser der Broschüre von Nikolaus Koch / Bodo Manstein: Die Freiwilligen. Ausbildung zur gewaltlosen Selbsthilfe und unmilitärischer Ver­teidigung. "Wissen und Verantwortung", Göttin­gen, 32 S. Der Detmolder Arzt Bodo Manstein wirkte in den 50er Jahren im "Kampfbund gegen Atomschaden" sowohl gegen die militärische wie gegen die "zivile" Nutzung der Atomkraft. Er war später Mitbegründer des BUND, der international mit den "Friends of the Earth" zusammenarbeitete.

(2) In der heutigen Groß-Organisation weiß kaum jemand noch, dass 1973 auch in Deutschland Aktionen unter dem Label Greenpeace stattgefunden haben, sieben Jahre bevor auch in der BRD eine deutsche Sektion diesen Namens gegründet wurde.

Siehe auch Essais nucléaires en Polynésie : les petits-enfants oubliés de la bombe-

Französische Atombombentests in der Sahara 1960-1966

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