Wolfgang Hertle
Frühe Proteste gegen Raketenstationierung im Ruhrgebiet
Anfänge Gewaltfreien Widerstands in NRW, insbesondere im Ruhrgebiet 1959 bis 1963
On-line gesetzt am 10. Juni 2015
zuletzt geändert am 1. Juli 2015

von Wo
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Ab 1956 erschienen vermehrt Informationen über die gewaltfreie Bürgerrechtsbewegung in den USA in die bundesdeutschen Medien, spätestens ab 1958 wurde über Märsche und Aktionen Zivilen Ungehorsams in Großbritannien gegen die Atombewaffnung berichtet. Am Rande der IdK ( Internationale der Kriegsdienstgegner) und des VK (Verband der Kriegsdienstverweigerer) bildeten sich Gewaltfreie Aktionsgruppen z.B. der "Aktionskreis für Gewaltlosigkeit" in Hamburg, die „Gewaltfreie Zivilarmee“ in Stuttgart, sowie Initiativen u.a. in Berlin, Kiel, Frankfurt und Hannover.

Hier soll trotz relativ eingeschränkter Einsicht in die Quellen versucht werden, die frühe Entwicklung zu gewaltfreien Aktionen Zivilen Ungehorsams in Nordrhein-Westfalen und besonders im Ruhrgebiet nachzuzeichnen. *

Am 27. Februar 1959 trafen trotz vieler Proteste von Rat, Verwaltung und Bevölkerung in Dortmund-Brackel britische Atomraketen ein. Ursprünglich sollte der Flugplatz in Brackel den Anschluss des Ruhrgebietes an das Luftverkehrsnetz ermöglichen.

1959 gab es im Bundesgebiet viele solidarische Aktionen in Solidarität mit den internationalen Proteste gegen die französischen Atomtests in der Sahara. Ein internationales Team von 19 Personen u.a. mit Michael Scott und April Carter war von Ghana aus unterwegs zum Testgebiet im französischen Algerien. (1)

Anlässlich eines Demonstrationszuges zur Botschaft Frankreichs in Bad Godesberg am 5.3.1960 hieß es im Rundschreiben der IdK- Bundesgeschäftsstelle vom 26.2.60: „Denken Sie immer daran, dass wir mit einre bloßen Mitgliedschaft in der IdK nicht das Geringste erreichen werden, sondern dass es uns nur durch die Anwendung des gewaltlosen Kampfes gelingen wird, die totale Vernichtung der Menschheit abzuwenden...“

Der Aufruf zur „Aktion Sahara“ bewirkte eine eindrucksvolle Demonstration, ein achthundert Meter langer Zug bewegte sich volle zwei Stunden durch die Kurstadt am Rhein. Zu Beginn hatte die Polizei einige Transparente eingezogen, so z.B. das Zitat des Nobelpreisträgers Albert Camus „Von Staaten werden mehr Verbrechen begangen als von Einzelpersonen!“. Sogar Sprechchöre waren verboten und so verwundert es nicht, dass der vor der Botschaft vorgesehene Sitzstreik ebenfalls verboten wurde.

Antimilitaristische Proteste gab es im Ruhrgebiet schon früher: 1954 hatte der Dortmunder OB Keuning eigenhändig das erste Sprengloch zugeschüttet, das aus „strategischen Gründen“ in westdeutsche Straßen gebohrt worden war. (2)
Am 3. Februar 1959 sprachen sich alle Fraktionen des Dortmunder Rates gegen die Stationierung der Raketen aus. OB und Oberstadtdirektor wandten sich an Bundeskanzler und Verteidigungs-Minister, um die geschlossene Ablehnung auszudrücken. Die Stimmung in der Bevölkerung äußerte sich u.a. in Forderungen, den Raketenstützpunkt zu blockieren und ihn von Strom, Gas und Wasser abzuschneiden. Nach einer Demonstration von Stahlarbeitern am 4. 2. und einem Autokorso mit über 500 Fahrzeugen fand am 7.2.59 eine Großkundgebung auf dem Marktplatz von Brackel statt.

Eine Steigerung brachte dier Großaktion am Wochenende 13./14.3. Der IdK- Landesverband NRW rief, unterstützt von zahlreichen Prominente zu einer Protestaktion gegen die Aufstellung von Raketenbasen auf. Am selben Wochenende tagte in Dortmund unter der Schirmherrschaft von Bürgermeister Ewald Görshop die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Friedensverbände, was die Medienwirksamkeit der Demonstration verstärkte.

Am 13.3.59 eröffneten Oberkirchenrat Kloppenburg und Kirchenpräsident Niemöller eine Mahnwache, die ununterbrochen bis Montag 16.3. 1 Uhr von insgesamt 400 Freiwilligen besetzt und nachts mit Pechfackeln beleuchtet war. Bei der Kundgebung auf dem Markt von Brackel am Samstag 4.3. sprach Lothar Schirrmacher zu 1500 Anwesenden. Beim Marsch durch Brackel wurde neben vielen Transparenten eine lebensgroße Puppe in Generalsuniform und weißem Totenkopf, unter dem Arm eine Atomrakete, mitgetragen.

Nach Auflösung des Zuges gingen ca. 500 Teilnehmer zum Hauptportal der englischen Kaserne und führten einen zweistündigen Sitzstreik durch, kein Fahrzeug konnte in der Zeit passieren. „Bei dieser Gelegenheit wurde erstmals gewaltlose Obstruktion in Deutschland angewandt“ (Friedensrundschau 4/1959 S. 29 )
Ca.100 Zeitungen, sowie Fernsehen aus England, Holland, Kanada,sowie „Fox tönende Wochenschau“ berichteten, das Westdeutsche Fernsehen war zwar da, durfte aber nichts senden. Zusammen mit der BBC und dem kanadischen Fernsehen war Stuart Morris zu den Sitzstreikenden gekommen, ein Abgeordneter des britischen Unterhauses und Vorsitzender der War Resisters` International. Morris bedankte sich erfreut bei den Demonstranten, da hier zum ersten mal in Deutschland ein Sitzprotest „nach englischen Vorbild“ durchgeführt würde.

Während und nach der Dortmunder Aktion äusserten manche Friedensbewegte die Meinung, der Sitzprotest sei mit den Zielen der IdK nicht vereinbar. Deshalb erläuterte der Rundbrief der Bundesgeschäftsstelle vom 7.1.1960 unter der Überschrift „Was ist gewaltloser Widerstand ?“: „Anhand einiger praktischer Beispiele unserer Dortmunder Aktion soll noch einmal klargestellt werden, was Gewalt und was gewaltlos ist.
Pfui-Rufe oder andere Schimpfworte können nicht mehr als gewaltloser Widerstand betrachtet werden. Man kann auch nicht von Gewaltlosigkeit sprechen, wenn jemand versucht, die Absperrungen zu überspringen oder Zäune zu überklettern. Es hat auch mit Gewaltlosigkeit nichts zu tun, wenn jemand versucht,einen Polizisten weg zu drücken, sich von ihm los zu reißen oder sich irgendwo fest zu halten, in der Absicht, einen Abtransport zu verhindern. Gewaltloser Widerstand heißt, sich körperlich völlig passiv verhalten.
Natürlich ist es erlaubt und mit den Prinzipien des gewaltlosen Widerstandes durchaus vertretbar, wenn in sachlicher, ruhiger und überzeugender Form mit den Polizeibeamten über das Motiv des passiven Widerstandes gesprochen wird. Es ist Aufgabe eines jeden Freundes unserer Organisation, sich im gewaltlosen Widerstand zu schulen und während der Aktion auf jeden Freund neben sich einzuwirken, die Grundsätze des gewaltlosen Widerstandes zu beachten.
Wer trotz mahnender Hinweise diese Prinzipien nicht beachtet , stellt sich außerhalb unserer Gemeinschaft und handelt wie ein Provokateur, Er kann und darf in unseren Reihen nicht geduldet werden...“

Der 22 jährige Student Herbert Campton vom britischen „Direct Action Committee against nuclear war“ beendete am 30.Mai 1960 seinen mehrwöchigen Protestmarsch durch Südengland, Holland, Belgien und Westdeutschland in Dortmund- Brackel, wo er zweimal in das Militärgelände vordrang und sich vor die Raketen setzte. „Die Militärposten entfernten ihn gewaltsam. Der tapfere Einsatz zwang selbst den Atomrüstlern Anerkennung ab“ (3)

Für den 6. Februar 1960 plante die IdK in Bad Godesberg vor allen Botschaften von Ländern, die über Atomwaffen verfügten Protestaktionen gegen Atombombentests. Es sollten Plakate in deutscher, englischer, französischer und russischer Sprache mitgeführt werden. Mehrfach wurde die beabsichtigte Gewaltlosigkeit der Aktion betont ,die sich auch auf den Inhalt der Plakate bezog (deren Text musste der Polizei vorgelegt und von ihr genehmigt wurden). Wegen eines Formfehlers in der Anmeldung wurde die Demonstration verboten. Ein neuer Anlauf erfolgte am 5. März. Es war geplant, sich auf der Straße niederzulassen, falls die Ordnungshüter den Weg versperren sollten, zu diesem Zweck sollten die Demonstrationsteilnehmer Sitzgelegenheiten mitbringen. Die polizeiliche Genehmigung der Demonstration war sehr restriktiv: Lautsprecher durften ebenso wenig mitgeführt werden wie Sitzbretter. Sprechchöre waren ebenso untersagt wie Flugblätter oder Zwischenaufenthalte. Der eineinhalb Stunden dauernde Schweigemarsch von 300 Teilnehmern richtete sich gegen die Atombombentests in der Sahara, aber auch an alle anderen Länder, die über Atomwaffen verfügten. Von der Polizei auf eine Route abseits des Stadtkerns von Bad Godesberg gelenkt, verlief der Protestmarsch ohne Zwischenfälle. Die dem französischen Botschafter überreichte Botschaft trug die Unterschriften von 134 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

1960 fand der erste bundesdeutsche Ostermarsch nach Bergen – Hohne statt, er weitete sich in den folgenden Jahren bundesweit zu einer breiten Bewegung aus.

Am 5.11.1960 nahmen in Gelsenkirchen 2000 Menschen und 83 mit Plakaten geschmückte Fahrzeuge an einer Protestaktion der IdK (Landesverband NRW) teil. Unter den Teilnehmern fiel eine starke Delegation aus Belgien auf sowie italienische Arbeiter mit eigenen Transparenten. Der Demonstrationszug zum Raketengelände der Bundeswehr im Ortsteil Erle wurde von der Polizei auf Nebenstraßen umgeleitet. Nach offizieller Auflösung der Demonstration ließen sich 50 Personen, begleitet von 200 Sympathisanten zu einem spontanen Sitzstreik auf der Fahrbahn vor dem Kasernentor zum Raketengelände nieder. Polizisten versuchten, einige der Demonstranten wegzutragen. Verstärkung traf erst ein, als die von den Demonstranten selbst festgesetzte Zeit von 15 Minuten Sitzstreik verstrichen war. (4) Die Gelsenkirchener Aktion fand ein starkes Echo in der ganzen Revier-Presse.

1961 gab es Sitzblockaden in Duisburg und Dortmund, sowie einen Versuch dazu in Rolandseck. Die Polizei verhinderte Demonstrationen in Dortmund und in Bonn
Am 24. Juni 1961 demonstrieren 50 Kriegsgegner aus Essen vor dem Brackeler Flugfeld, wo ein britisches Raketen-Regiment stationiert war. Die Polizei riegelte mit Funkstreifenwagen das gesamte Gelände ab und zerstreute den Demonstrationszug.

Fünf TeilnehmerInnen (3 Frauen, zwei Männer) des San Francisco-Moskau Marsches und eine Dortmunderin wollten am 3. August 1961 vor der Atomraketenbasis in Dortmund-Brackel eine Mahnwache abhalten, so wie andere Teilnehmer dieses Marsches gleichzeitig in Bonn und Bergen-Hohne. Weil sie, laut Polizeiangaben nicht rechtzeitig eine Genehmigung eingeholt hatten, wurde dies verboten. Als sie vor der Kaserne erschienen, wurden ihre Transparente und Flugblätter beschlagnahmt. Die beiden Männer wurden festgenommen und abtransportiert, worauf sich die drei Frauen an den Straßenrand setzten. Später demonstrierten sie stehend vor dem Eingang, auf ihren Blusen trugen sie die selben Slogans wie auf den beschlagnahmten Transparenten. Als später die Männer zurückkamen, demonstrierten die fünf gemeinsam weiter, worauf sie von der Polizei weggefahren wurden.(5)

Fünf „Friedensmarschierer“, die in Bonn das Verteidigungsministerium acht Stunden lang belagern wollten, wurden festgenommen und im Schnellverfahren zu Geldstrafen verurteilt. Als „Anführer“ erhielt der Londoner Student Barnaby Martin eine Geldstrafe von 50 DM oder zwei Tage Haft, gegen die anderen Teilnehmerinnen, eine Amerikanerin, eine Schwedin, eine Norwegerin und eine Deutsche, wurde je 25 DM Strafe ausgesprochen. Alle fünf erklärten, dass sie sich weigerten, auch nur einen Pfennig zu bezahlen und lieber die Haftstrafe absitzen wollten.

Polizei verhinderte einen Sitzstreik vor der Sowjetbotschaft in Rolandseck, Der IDK – Sprecher Alois Stoff meldete Anfang Oktober 1961 drei Demonstrationen gegen die sowjetischen Atomtests an, die umgehend von den Behörden verboten wurden:
- einen Protestmarsch vom Bonner Münster- zum Bad Godesberger Theaterplatz,
- einen Autokorso von Bad Godesberg nach Rolandseck und
- einen Sitzprotest vor der Botschaft der UdSSR
Auf neue Anträge hin wurden Autokorso und Sitzprotest weiterhin verboten, der Schweigemarsch auf einer veränderten Route jedoch erlaubt.

Am Samstag, den 7.Oktober 1961 fuhren die Demonstranten nach dem Schweigemarsch trotz Verbotes und strömendem Regen durch Bonn ,und, begleitet von Streifenwagen, nach Remagen. 200 Meter vor der Botschaft wurde der Konvoi von 50 Polizisten aufgehalten und aufgefordert, „unter allen Umständen auf dem Parkplatz (zu bleiben). Widerstand wird gebrochen“ (6) Die Demonstranten schickten einen Pfarrer und ein IDK- Mitglied mit einer „Protestnote“ zur russischen Botschaft, wie sie in ähnlicher Form auch den drei westlichen Botschaftern überreicht worden war. Als sich die Demonstranten auf dem Parkplatz gesetzt hatten, wurden sie von der Polizei in bereitstehende Mannschaftswagen getragen, die sie zu einem zweieinhalb stündigen Verhör zum Revier nach Remagen fuhren. Die Polizei zog 108 Plakate und Transparente ein, die Politische Strafkammer bei der Generalstaatsanwaltschaft Dortmund nahm Ermittlungen gegen den „Rädelsführer“ Alois Stoff auf.

120 Personen demonstrierten am Samstag, 9. 12 1961 vor der britischen Glamorgan Kaserne in Duisburg - Wanheimerort gegen die dort vor kurzem eingezogene britische Raketen-Einheit.Augerufen wurde unter der Überschrift: "Sitzen vor dem Kaserneneingang". Zunächst setzten sich drei Atomwaffengegner in die breite Einfahrt zum Kasernengelände. Als sie der polizeilichen Aufforderung nicht nachkamen, das Gelände zu verlassen, wurden sie abgeführt. Darauf setzten sich nach und nach weitere Gruppen in die Einfahrt. Viele ließen sich wegtragen und 105 Personen (92 männliche und 13 weibliche) wurden alle ins Polizeipräsidium gebracht, wo ihre Personalien festgestellt wurden.

Die Demonstranten, darunter auch sieben Pastoren (u .a. von Oppen, Wandersleb und Superintendent Sanß), waren aus Datteln, Oberhausen, Mülheim, Essen und anderen Orten des Ruhrgebietes gekommen. Die IdK hatte ihre Mitglieder aufgefordert, auch im Falle eines Eingreifens der Polizei möglichst lange auszuharren und sich notfalls wegtragen zu lassen. In einem Rundschreiben hieß es: „Ab 13.30 hat jeder Teilnehmer die Aufgabe, sich vor dem Eingang hinzusetzen... Verhaftete Freunde weigern sich, selbst zu gehen, erschlaffen völlig und lassen sich wegtragen. Wenn die Polizei mit Pferden kommt, Wasserwerfer anwendet und versucht, die Ansammlung auseinanderzutreiben, werden wir jedenfalls soweit gehen wie möglich und uns hinsetzen. Gegen Sitzende und Liegende können Pferde nicht eingesetzt werden!" (7) Der Polizeipräsident hatte die Aktion verboten, daher hätten die Demonstranten Strafanzeigen wegen Gefährdung der öffentliche Ordnung und „Groben Unfugs“ zu erwarten. Mindestens einer der Sitzstreikenden, Rudolf Kempke, der zu einer Geldstrafe verurteilt worden war, weigerte sich, zu bezahlen und nutzte die siebentägige Gefängnisstrafe, um die Öffentlichkeit auf die beschämende Bestrafung konsequenter Atomwaffengegner hinzuweisen. Am 6.10.1962 begleitete ihn eine Gruppe von Mitstreitern auf dem Weg zum Gefängnis.
Pfarrer Wandersleb aus Herne wurde im August 1962 vom Amtsgericht Oberhausen wegen Teilnahme an einer Sitzdemonstration gegen die Stationierung einer britischen Atomraketeneinheit im Ruhrgebiet wegen „groben Unfugs“ zu 200 DM Geldstrafe, ersatzweise 20 Tage Haft verurteilt

Drei Jahre zuvor hatte die nordrhein-westfälische Landesregierung am 2. Juni 1958 in einer großen Anzeige in allen Tageszeitungen NRWs drucken lassen:

„Eine Stationierung atomarer Waffen an Rhein und Ruhr wäre ein lebensgefährliches Experiment. Es würde unser Land und besonders die bevölkerungsreichen Großstädte des Rhein-Ruhr-Gebietes in die Gefahr bringen, im Falle eines... kriegerischen Konflikts zu einem der ersten Angriffsziele atomarer Vernichtungswaffen zu werden. Angesichts dieser ernsten Lage wird die Landesregierung alles in ihrer Kraft stehende tun. um diese Gefahr von der Bevölkerung Nordrhein-Westfalens abzuwenden“

Am 7. Januar 1962 gründete sich im Ruhrgebiet nach dem Vorbild des englischen „Committee of 100“ ein „Komitee der 100“ (8), das „neue und wirksamere Wege des entschiedenen Widerstandes gegen die atomare Aufrüstung der Bundeswehr und der Stationierung von Raketenbasen auf deutschem Boden beschreiten will“. Die Forderungen entsprachen im Wesentlichen denen des Zentralen Ausschusses für den Ostermarsch. Die Initiative wurde vom nicht-pazifistischen Ostermarsch-Flügel unterstützt. Zu den Erstunterzeichnern gehörte der IdK Landesvorsitzende Alois Stoff, Arno Klönne und der DFG- Bundesvorsitzende Pfarrer Gottfried Wandersleb. Ein paar Monate zuvor hatte der Versöhnungsbund - Vorsitzende Heinz Kloppenburg und Wilhelm Keller vom VK-Vorstand mit Vorbereitungen zur Gründung eines solchen Komitees begonnen, sie wurden von der Gründung „einiger DFU- Leute“ (9) z.B. Superintendent Sanß, überrascht. Es war vorher klar, dass unabhängige Pazifisten aus VK und VB nicht mitarbeiten würden. (Genauere Informationen zu dieser Konkurrenz-Situation sind gesucht.)

Ostern April 1963 nahmen insgesamt 14 000 Teilnehmer an Ostermärschen teil, trotz Einreiseverbot auch etliche Ausländer. 65 Briten verteilten Flugblätter in Ost-Berlin und wurden nach West-Berlin abgeschoben.
Auf dem Flugplatz Düsseldorf - Lohhausen bekamen 54 Briten, die an Ostermärschen teilnehmen wollten,von den Behörden Einreiseverbot und wurden am Karfreitag daran gehindert, das Gelände zu verlassen. Die Briten reagierten mit einem Sitzstreik in der Ankunftshalle. Daraufhin wurden sie unter Anwendung von Gewalt in das Flugzeug zurückgebracht. Die Demonstranten lehnten es ab, sich anzuschnallen, weshalb der Rückflug nicht starten konnte. Drei Engländer entkamen der Kontrolle, der Rest übernachtete auf dem Rollfeld. Immer mehr deutsche Sympathisanten versammelten sich am Flugplatz. Eine Pressekonferenz und ein Gottesdienst wurden im Flugzeug abgehalten. Beide Seiten einigten sich schließlich auf den Kompromiss, den Rückflug am Sonntagabend anzutreten, wenn eine Gruppe Deutscher mit fliegen dürfe, die am Ostermarsch in England teilnehmen wollte. Einigen deutschen und dänischen Demonstranten, die vom Ostermarsch im Ruhrgebiet kamen, versperrte der Bundesgrenzschutz den Zugang. Sie kehrten um und begannen auf der Königsallee einen Sitzstreik. Darauf wurden Wasserwerfer eingesetzt und 38 Deutsche und elf Dänen festgenommen, die eine Nacht im Polizeipräsidium, verbringen mussten.

Das Amtsgericht Düsseldorf bestätigte am 6. August (sic).Strafbefehle über 100 DM wegen Verstoß gegen Versammlungsgesetz. Gegen den Lehrer Herbert Stubenrauch wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet, obwohl er als Sprecher des Ostermarsch-Regionalausschuss West mit den Briten verhandelt und ihnen zum Rückflug geraten hatte!

(1) http://nvdatabase.swarthmore.edu/content/international-team-campaigns-against-nuclear-testing-africa-sahara-protest-1959-1960
(2) Dortmunder Tageblatt, 24.2.1959
(3) Das Gewissen 7/8 1959,S. 58
(4) Das Gewissen, Dezember 1960
(5) Vgl. Bericht von Trude Westhoff: http://www.castor.divergences.be/spip.php?article532
(6) Generalanzeiger, 9.10.61
(7) NRZ, 7.12.61
(8 ) Appelius, Stefan: Pazifismus in Westdeutschland. 1991, S. 495 ff
(9 ) ebd. S. 495

Vgl. auch Horst Delkus
„Dortmund will keine Atomraketen“. Warnstreik gegen die Raketenstationierung in Dortmund-Brackel am 4. Februar 1959 Seite 46 sowie vom selben Autor:
Der erste Sitzstreik in Deutschland fand in Dortmund statt! Eine neue Protestform macht Karriere .
In: " Alle Räder stehen still… Streiks und Protestaktionen in Dortmund," Teil 1 Themenheft 3/2014 der Zeitschrift "Heimat Dortmund" ,für 5 Euro erhältlich im Stadtarchiv Dortmund und im Buchhandel

Beachte auch :
Die Geschichte der gewaltfreien Bewegungen in Deutschland muss noch geschrieben werden
http://castor.divergences.be/spip.php?article558 und
Einladung, an der Erforschung der Geschichte gewaltfreier Bewegungen in Deutschland mitzuwirken
http://castor.divergences.be/spip.php?article559

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